Farbe bleibt immer Farbe

Nicole Büsing und Heiko Klaas im Gespräch mit dem Berliner Maler Ruprecht von Kaufmann

Ruprecht, du hast am Art Center College of Design in Los Angeles studiert. Was bewog dich, mit Anfang 20 nach Kalifornien zu gehen, um Künstler zu werden?

    Ruprecht von Kaufmann: Obwohl ich mein ganzes Leben lang gezeichnet und gemalt habe, wollte ich ursprünglich nicht Künstler werden. Wahrscheinlich war das zu offensichtlich. Mein Vater überzeugte mich dann, Angewandte Kunst zu studieren. So habe ich mich am Art Center, das damals auch in der Schweiz einen Campus hatte, beworben, um Grafikdesign zu studieren. Dort entdeckte ich den Katalog für den Campus in Kalifornien. Da ich schnell gemerkt hatte, dass ich als Grafikdesigner völlig untauglich war, habe ich mich dann in den USA für den "Illustration Major" beworben. Die meisten meiner Professoren waren aber freie Künstler, die mich dann ermutigt haben, meine eigenen Arbeiten zu machen. So war ich bald zum Maler "mutiert". Anfänglich war das sehr schwer, weil Malerei mit erkennbaren Figuren erst fünf Jahre nach meinem Abschluss überhaupt als "ernst zu nehmende Kunst" akzeptiert wurde. Davor wurde meine Malerei allenfalls als fehlgeleiteter Zwischenschritt zur Abstraktion gesehen.

Kannst du uns ein wenig über deine Zeit in L.A. erzählen?

    RvK: Als ich in Los Angeles ankam, habe ich die Stadt gehasst. Es war einer der hässlichsten und unangenehmsten Orte, die ich je gesehen hatte. Ich habe bestimmt zwei Jahre gebraucht, um mich mit L.A. anzufreunden. Heute habe ich immer wieder "Heimweh" nach L.A. 

Inwiefern war die Ausbildung dort prägend für deine Malerei? Wie unterscheidet sich das Studium dort von der Kunstausbildung in Deutschland?

    RvK: Das Studium am Art Center war diametral anders als ein europäischem Kunststudium aufgebaut: Man ging davon aus, dass die Studenten von eigenen Ideen angetrieben sein würden, und dass alle, die dort zum Studium angenommen wurden, auch etwas zu sagen hätten. Die Philosophie war folgende: Man kann Studenten nicht beibringen, was sie denken sollen, oder wie man kreativ ist. Dafür kann man den Studenten die Mittel in die Hand geben, die sie benötigen, um ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Deshalb habe ich dort unglaublich viel über das Handwerk der Malerei gelernt. Das Gefühl, Farben und Komposition sicher zu beherrschen, hat sehr viele Freiheiten für meine Arbeit gebracht. Auch wurden wir immer ermuntert, unseren eigenen Weg zu gehen und nicht die Fahne nach dem Wind zu richten. Einer meiner Professoren sagte einmal: "Gebt euch bloß nicht der Illusion hin, euer Geschmack sei so einzigartig, dass ihr die Einzigen seid, die das, was ihr macht, gut finden."

Hollywood, Traumfabrik, kalifornisches Lebensgefühl auf der einen Seite, bittere Armut, Bandenkriege und Drogen auf der anderen. Wie stark hast du diese Gegensätze wahrgenommen? 

    RvK: Von Bandenkriegen haben wir während des Studiums ebenso wenig mitbekommen wie von der Traumfabrik. Das waren die Pole, deren Zug man aus der Distanz spürte. Ich habe direkt nach dem Studium in Downtown L.A. gelebt. Das war damals noch sehr roh. Man durfte nicht jenseits eines bestimmten Straßenblocks nach Süden fahren. Dort war Bandenterritorium. Auch konnte man von der Interstate 110 durch einen Tunnel unter Downtown hindurch Richtung L.A. River fahren, wo unser Loft war. Auf der westlichen Seite des Tunnels sah man Banker in 2000-Dollar-Anzügen über manikürte Rasenflächen wandeln. Wenn man dann auf der anderen Seite des Tunnels herauskam, lagen die Obdachlosen in stinkenden Lumpen und Müll fast gestapelt auf den Bürgersteigen. Das schien mir sehr emblematisch für die amerikanische Gesellschaft: ein potemkinsches Dorf, ein Goldglitzerlaminat, das von einem total maroden und zerfressenen Bilderrahmen gerade noch zusammengehalten wird. 

Inwieweit finden sich diese Kontraste in deiner Kunstproduktion wieder? 

    RvK: Ich hatte auch als Kind schon immer das Gefühl, dass hinter der perfekten bayerischen Landidylle, in der ich aufwuchs, nicht alles so postkartenideal sein konnte. In den USA hat mich das sehr beschäftigt, und der Blick hinter die Kulissen ist eines der zentralen Themen, aus denen sich meine Malerei immer wieder nährt.

Anschließend hast du ein paar Jahre in New York, der Kunstkapitale schlechthin, gelebt. Was war dort anders als in L.A.? Welche neuen Begegnungen und Impulse gingen von diesem Aufenthalt aus?

    RvK: Die Zeit in New York scheint mir weniger wichtig als die in L.A. gewesen zu sein. Am stärksten hat mich der 11. September berührt. Ich teilte mir damals mit Freunden ein Loft direkt am East River nördlich der Williamsburg Bridge. Williamsburg ist ja heute der Hipster-Stadtteil schlechthin. Damals war Williamsburg allerdings ziemlich heruntergekommen. Große Teile der schönen Grundstücke am Wasser waren noch unbebaute Schuttflächen. Am 11. September saßen wir auf dem Dach unseres Lofts und sahen fassungslos zu, wie sich zwei der größten Zacken in der Skyline Manhattans vor unseren Augen in Staub verwandelten. An dem Tag ist für mich auch der Leuchtturm Amerika zerfallen.

Mit welchen Konsequenzen?

    RvK: Irgendwie spürte ich, dass das der Anfang vom Ende meiner Zeit in den USA war. Ich bin dann 2003 wieder nach Europa zurückgegangen. 

Wie haben sich deine Malerei und dein Themenspektrum geändert, seit du wieder in Deutschland, genauer gesagt in Berlin, lebst?

    RvK: Der Umzug nach Berlin war für mich eine Befreiung, ähnlich wie anfänglich der Umzug nach Kalifornien eine Befreiung war. Zwar kannte ich niemanden in der Berliner Kunstszene, aber das gab mir auch die Möglichkeit, meine Malerei noch einmal "neu zu erfinden". Doch es hat auch viel Zeit und Mühe gekostet, mich in Berlin zu "etablieren".

Deine Malerei zeichnet sich durch eine große Vorliebe für die Figuration und erzählerische Elemente aus. Der Betrachter ist herausgefordert, Handlungsstränge zu erkennen. Wie würdest du selbst dein künstlerisches Programm charakterisieren? Worauf kommt es dir beim Malen an? 

    RvK: Die Figuration und erzählerische Ansätze haben für mich eine große Wichtigkeit, weil sie eine sehr direkte Verbindung zu dem Betrachter eines Bildes ermöglichen. Geschichten und Erzählungen bestimmen zu einem großen Teil, wie wir unsere Welt verstehen. In einem sehr viel höheren Maße, als es rein rationale Argumente vermögen würden. Wir kreieren Geschichten über uns selbst und lernen von Kind an, komplexe, schwer verständliche Handlungsweisen durch Erzählungen zu verstehen: Märchen spiegeln die für Kinder oft unverständlichen, bedrohlichen Mechanismen der Erwachsenenwelt wider. Fabeln sind eine sehr direkte Spiegelung von menschlichen Verhaltensweisen auf Archetypen in der Tierwelt. Die griechischen Mythen und die Bibel versuchen, uns einen Sinn hinter der Willkürlichkeit der Welt zu vermitteln.


Was soll der Betrachter aus deinen Bildern "mitnehmen"?

    RvK: Wir Menschen sind im Laufe der Evolution darauf programmiert worden, aus der Körpersprache und dem Gesichtsausdruck anderer Menschen Informationen über unser jeweiliges Gegenüber zu ziehen. Daher ist die Reaktion auf ein figürliches Bild sehr direkt, spontan und empathisch. Diese Reaktion findet fast schon statt, bevor das Gehirn sich einschaltet, um das Gesehene bewusst zu interpretieren. Das birgt sehr viele spannende Möglichkeiten, um mit dem Betrachter einen Dialog über Zeit und Raum hinweg zu starten. Dabei geht es mir nicht um die "richtige Interpretation" eines Bildes. Stattdessen ist es mir wichtig, dass der Dialog ein offener ist, der in beiden Richtungen stattfinden kann.

Es tauchen aber auch immer wieder abstrakte Elemente auf. Die Gesichter auf den Porträts sind beispielsweise häufig verwischt, Farbklumpen werden bisweilen als Markierungen gesetzt. Aus welchen Impulsen heraus kommt es zu dieser Vermischung von Figuration und Abstraktion?

    RvK: Ehrlich gesagt, empfinde ich die Trennung von "gegenständlich" und "abstrakt" in der Malerei als ein primär theoretisches Konstrukt, das in der Praxis eigentlich eine weitaus geringere Rolle spielt, als es den Anschein hat. Jedes Bild ist auf einem kompositorischen Gerüst aufgebaut, das durch Elemente wie Farbe, Form, Rhythmus und Linie bestimmt wird. Jedes Bild "beginnt" also in der Abstraktion. In den späteren Entwicklungsschritten trifft der Maler dann unterschiedliche Entscheidungen, die am Ende entweder die abstrakten Elemente zum Inhalt des Bildes werden lassen, oder die Farbe, mehr oder weniger stark, derart transformiert, dass man am Ende Wasser oder Fleisch, eine Blume oder ein Gesicht zu sehen glaubt. Natürlich bleibt aber Farbe immer Farbe. Und darin besteht für mich die Faszination der Malerei, dass man diesen Prozess der Transformation sichtbar machen kann, während er passiert: Das heißt, wir sehen eine menschliche Figur, wir sehen aber auch ganz deutlich den Pinselstrich, die Farbschlieren und Verwischungen. Und so konstruiert unser Gehirn aus Farbklecksen zum Beispiel ein Gesicht und das, obwohl wir uns im selben Moment bewusst sind, dass da an sich nur Farbe ist. Mich interessiert dieser Übergangsbereich, dieser Zustand in der Schwebe zwischen dem einen zum anderen Zustand.

Deine Bildtitel sind halb deutsch halb englisch und geben Hinweise auf den Inhalt der Bilder. Gleichzeitig sind es Verrätselungen. Welche Bedeutung haben für dich Bildtitel? Mit welchen Anspielungen arbeitest du? Uns ist zum Beispiel aufgefallen, dass Titel wie "The Prisoners", "The Trick Is To Keep Breathing" oder "The Good Of Small Things" Filmtitel, Songtitel von Garbage oder Romantitel von Arundhati Roy zitieren bzw. leicht abwandeln...

    RvK: Ihr seid, glaube ich, die ersten, denen die Pop-Referenzen in den Bildtiteln wie "The Trick is to Keep Breathing" aufgefallen sind. Abgesehen davon, dass ich die Garbage-Scheibe, auf der dieser Song ist, sehr gerne mag, hat mich dieser Titel immer schon fasziniert. Er ruft bei mir so viele Assoziationen auf, und er ist eine gute Mischung zwischen düsterem Sarkasmus und "Keep a stiff upper lip"-Galgenhumor. Das gefällt mir. 

Arundhati Roys Buch hat mich total umgehauen. Und der Titel ist einfach großartig. Ich wusste damals schon, vor inzwischen bestimmt 15 Jahren, dass ich den Titel irgendwann für ein Bild oder eine Serie "klauen" wollte. Auch so ein Titel, der bei mir ganze Lawinen im Kopf lostritt...

Literatur und Liedertexte sind meine Hauptinspirationsquellen. Deshalb tauchen diese Referenzen oft in meinen Bildern auf. Das bedeutet aber nicht, dass zum Beispiel die Serie "Der Gott der Kleinen Dinge" eine direkte Verbindung zum Buch hat. Die Idee kam eigentlich nach dem Tod meines Schwiegervaters, als meine Frau und ihre Schwester Tage damit zubrachten, zu entscheiden, was mit seinen Dingen geschehen sollte. Es ist ein ganz merkwürdiger Prozess nach dem Tod eines geliebten Menschen: All diese Dinge, die an sich oft einfach wertloses Zeug sind, sind so aufgeladen mit Bedeutung, einfach weil sie den Alltag eines Menschen bestückt haben. Als ich dann in meinem Atelier saß und versuchte zu malen, fielen mir all die kleinen Dinge auf, die essentiell sind für meine Arbeit im Atelier. Zum Beispiel Lumpen, Kaffeetassen oder Werkzeuge. So viel Kram, der mich definiert, dem ich aber auch Bedeutung gebe, indem ich ihm eine Stelle in meinem Leben zumesse: Da kam mir der Titel, mit all seinem ironisch-melancholischen Witz, wieder in den Sinn: Ja, ich bin ein Gott der kleinen Dinge, und indem ich sie porträtiere, kann ich dieses Wechselspiel von Bedeutungen zwischen Menschen sichtbar machen.

Auf einigen deiner Bilder greifst du Themen aus der Mythologie auf. Haben diese zeitlosen Themen für dich eine Allgemeingültigkeit oder bereits wieder eine neue Aktualität?

    RvK: Beides. Es gibt bestimmte Themen, die die Menschen schon immer bewegt haben: Liebe, Tod, Eifersucht. Warum passieren guten Menschen schlechte Dinge und umgekehrt? Die griechische Mythologie oder die Bibel sind Versuche, Geschichten zu finden, die diese Fragen zwar vielleicht nicht beantworten, aber den Mangel an Antworten erträglicher machen. Mich fasziniert auch, dass es bestimmte Erfahrungen gibt, die zwar alle Menschen teilen, die somit universell sind, die wir aber erst dann in vollem Umfang begreifen können, wenn wir sie selbst erleben: wie zum Beispiel das erste Mal sein Herz gebrochen zu bekommen. Man weiß, dass die Eltern eigentlich Recht haben, wenn sie einen damit trösten, dass es noch einmal eine Liebe im Leben geben wird. Aber in dem Moment ist der Schmerz so eigen, so akut und stark, dass er eine völlig individuelle Erfahrung ist, die kein anderer Mensch in ihrem vollen Umfang nachvollziehen kann. In dieser Hinsicht haben die griechischen Mythen eine zeitlose Aktualität. Ich finde, es gibt nach wie vor kaum eine treffendere Parabel über das Trauern als die Geschichte von Orpheus und Eurydike. 

Seit einigen Jahren benutzt du farbiges Linoleum als Bildgrund. Du benutzt auch Werkzeuge, um darauf Einritzungen und Strukturen zu erzeugen. Wie bist du auf dieses Material gekommen, und welche spezifischen Eigenschaften machen es für dich so interessant?

    RvK: Wie bereits beschrieben, suche ich nach dem Moment in dem sich Farbe transformiert. Linoleum erlaubt es mir, diesen Moment sichtbar zu machen, dadurch, dass ich den Malgrund auch einfach mal stehen lassen kann. Das Linoleum hat eine lebendige Oberfläche, die an den "unfertigen" Stellen kein Loch entstehen lässt, wie das eine unbearbeitete Leinwand tut. 

Zudem kann man auf Linoleum auch mit Collage arbeiten oder Bildelemente hineinschneiden, derart Fehlstellen erzeugen und so einen Zerstörungsprozess sichtbar machen. Die Möglichkeiten, mit dem Material zu arbeiten, sind sehr inspirierend.

In deiner kommenden Einzelausstellung in der Kunsthalle Erfurt zeigst du unter dem Motto "Inside the Studio" eine Reihe von Materialexperimenten. Mit welchen Materialien hast du bisher gearbeitet, und welche Rolle spielt das Experimentieren mit verschiedenen Techniken für dich bei der Bildfindung?

    RvK: Ich habe Bilder mit Acryl auf Gummiplatten, mit Seidenmalfarbe und Fiberglas, mit Acryl auf Filz gemalt, aber auch fiktive Röntgenbilder, die von hinten beleuchtet werden, oder Bilder, die von einem Super-8-Filmloop beleuchtet und animiert werden. Dazwischen kehre ich immer wieder zur "klassischen" Ölmalerei zurück. Die Materialexperimente helfen mir, Malerei von einem anderen Blickwinkel aus zu betrachten. Daraus entwickeln sich dann immer wieder neue und spannende Ansätze.

Zu deiner Arbeitsweise: Was sind die Vorstufen deiner Arbeit? Entstehen Skizzen, Fotografien oder Zeichnungen?  

    RvK: Da ich nicht mit Fotos oder Modellen arbeite, sondern meine Bildwelten frei erfinde, sind einige Zwischenschritte nötig. Deshalb gibt es für die meisten meiner Bilder Vorstudien in Form von Gouachen. Weil man mit Gouache auf Papier keinen großen Materialeinsatz hat, sind diese Arbeiten nicht "zielgerichtet", sondern recht frei und intuitiv. Wenn ich das Resultat nicht mag, oder es seine Wirkung verfehlt, kann ich das Bild einfach wegwerfen und ein neues beginnen.

Welche Rolle spielen dabei die Skizzenbücher?

    RvK: Die Skizzenbücher führe ich ständig bei mir. Ich halte dort Situationen fest, die mir gefallen. Es ist für mich wie ein mentales Foto von einer Situation zu machen, das ich später bei Bedarf abrufen kann. Im Unterschied zu einem echten Foto aber findet beim Skizzieren schon ein Editionsprozess, ein Fokussieren auf die Essenz statt. Auch notiere ich mir Bildideen in den Skizzenbüchern, wenn ich unterwegs bin. 

Du malst ja ausschließlich mit Ölfarben. Kannst du uns diese Vorliebe ein wenig erklären?

    RvK: Ölmalerei hat für mich den Reiz, dass das Medium die größte Vielfalt an Ausdrucksweisen ermöglicht: Die Farbe kann dick und dünn, schnell und spontan oder langsam und in Schichten aufgetragen werden. Dabei hat Ölfarbe eine enorme Leuchtkraft. Bei Acrylfarben habe ich nie das Gefühl, denselben Malfluss zu haben. Aber das hat bestimmt viel mit Gewöhnung zu tun. Man gewöhnt sich an bestimmte Materialien. So wie es Gitarristen gibt, die eine Gitarre spielen, die schon ein Loch im Deckblatt und keinen Fetzen Lack mehr hat, nur weil Sie diese Gitarre kennen und genau wissen, welchen Ton sie wie erzeugen können, so entwickelt man als Künstler Vorlieben für die Farben bestimmter Hersteller, Medien, Malgründe und Pinsel.  

Welche kunsthistorischen Vorbilder interessieren dich?

    RvK: Diese Frage finde ich sehr schwer zu beantworten, weil ich sehr unterschiedliche Künstler aus unterschiedlichen Gründen liebe. Kürzlich habe ich mich mit einem Kollegen darüber unterhalten, wie unfassbar exquisit die Oberflächenstrukturen in Chardins Malerei sind. Einer meiner absoluten Lieblinge ist auch Velazquez. Aber ich liebe auch Rothko oder bestimmte Arbeiten von Polke. Ich habe einen recht eklektischen Geschmack. Solange ich ein Werk ansehe und es in mir den Wunsch weckt, ins Atelier zu gehen und zu arbeiten, bin ich schon sehr glücklich. Aber direkte Vorbilder habe ich keine, weil ich nach einer Art Ausdruck suche, die ich so in der Art noch nicht gesehen habe, und von der ich auch nicht weiß, ob ich sie jemals finden kann.

Welche Rolle spielen andere Inspirationsquellen? Wie zum Beispiel Kino, Musik oder Literatur?

    RvK: Eine sehr große: Die neue Arbeit für Erfurt beispielsweise ist sehr stark an filmische Ideen von Abläufen, Zeit und Perspektiven angelehnt. Jetzt gerade habe ich Paul Austers Roman "4321" gelesen, und ich bin sehr inspiriert, wie er mit dem "Was aber wäre, wenn..." spielt. Das ist eine Frage, mit der ich mich in letzter Zeit auch oft beschäftigt habe: Wie würde sich die Welt oder mein Leben verändern, wenn man an der einen oder anderen Kreuzung links statt rechts abgebogen wäre?

Ruprecht von Kaufmann, In the House, 2017, Kunsthalle Erfurt, Galerie Thomas Fuchs
Ruprecht von Kaufmann, In the House
Foto: Stefan Maria Rother


Nun noch eine Frage zur Rezeption deiner Bilder: Du bist in Deutschland und den USA gleichermaßen bekannt. Wie unterscheiden sich die Reaktionen auf deine Malerei? Was schätzen Amerikaner, was Deutsche oder Europäer an deinen Bildern?

    RvK: Die Rezeption ist doch immer irgendwie abhängig davon, wer das Bild ansieht, und was man in ein Bild als Betrachter hineinträgt. Das kann man als Maler kaum beeinflussen. So haben die Sammler in Kalifornien immer betont, wie "europäisch" das Licht in meinen Bildern wäre. In Deutschland hingegen war das Licht dann plötzlich "so kalifornisch". Ich glaube nur, dass, alles in allem, die Amerikaner offener sind für erzählerische Malerei. In Deutschland sind die Leute da oft etwas dogmatischer im Umgang mit den Ideen der Moderne. 

Wir leben in unruhigen Zeiten: wirtschaftliche Krisen in vielen Ländern, ein neuer Nationalismus, der Islamismus, Terrorismus, der umstrittene US-Präsident Donald Trump und nicht zuletzt der Erfolg der AfD in Deutschland. Empfindest du als Künstler eine besondere Verantwortung, dich mit diesen Themen auseinanderzusetzen?

    RvK: Ja, durchaus. Ich glaube alle "denkenden" Menschen müssen jetzt aufwachen und aktiv werden. Das destruktive Potential des Populismus sollte man nicht unterschätzen. Das eigentlich Schwierige ist aber, dann einen Weg zu finden, wie man sich einbringen kann. Ich habe kein Interesse, platte Propagandakunst zu machen. Abgesehen davon, ist das Publikum, das man mit Malerei erreicht, so klein, dass es fraglich ist, ob man mit Kunst überhaupt etwas bewirken kann. Aber ich denke, es ist gut, wenn Künstler, Schriftsteller und Schauspieler offen Probleme ansprechen, weil sie eine andere Glaubwürdigkeit haben als etwa Politiker.

Lieber Ruprecht, wir danken dir für das Gespräch.