Es ist die Oberfläche, die Eingängigkeit der Dinge, um die es den digitalen Medien unserer Zeit hauptsächlich geht. Bilder müssen hier möglichst schnell funktionieren; Tiefgang ist unerwünscht. So ist es das "glatte Face", das in den sozialen Netzwerken förmlich glorifiziert und als Profilbild in Form des "Selfies" zur Ikone der Selbstinszenierung und so zum Ausdruck des Narzissmus unserer Gesellschaft wird.

Es ist dieser Verlust des Antlitzes, der Vivian Greven beschäftigt. In Ihrer Malerei stellt sie die Frage nach dem Gegenüber, dessen Antlitz, dem was wir sehen, wenn wir jemanden betrachten. Besonders mit dem Verschwinden des Blickes thematisiert die 1985 in Bonn geborene Künstlerin in ihren Bildern den Verlust des Antlitzes in unserer auf Äußerlichkeiten fixierten und vom Narzissmus bestimmten Gesellschaft, in welcher der Blick nicht hinter die Oberfläche zu schauen vermag. Ihre Malerei sucht nach einem zärtlichen Weg zum Wesen des Antlitzes. Anders als bei den maskenhaften Faces, die einem beispielsweise als Profilbilder in den sozialen Netzwerken nichts über den dargestellten Menschen verraten, entfaltet sich in den Gemälden der jungen Künstlerin – durch Zeit und Muße – eine sinnlich-erotische Subjektivität. Es ist die Sinnlichkeit, der Vivian Greven durch ihre zärtliche Ölmalerei einen Darstellungsraum eröffnet. Den Verlust des Antlitzes setzt sie in gewisser Weise gleich mit dem Verlust der Erotik in unserer sexistischen und von Pornografie geprägten Welt. Um diesem doppelten Verlust entgegenzuwirken, bildet das Inkarnat – die Hautfarbe des Menschen – einen zentralen Ausgangspunkt ihrer Arbeiten: In einer Gesellschaft, die Künstlichkeit und Plastik liebt, verführt Greven den Betrachter mit der anmutenden Haptik der Darstellungen von Haut, die förmlich flirtend dazu einlädt, sie zu berühren. Metaphorisch werden dabei Bildträger und Farbe zu sinnlich-erfahrbarer Haut, welche die Grenzen des Bildraumes zu durchbrechen vermag. Die Sinnlichkeit begegnet in Grevens Werk häufig durch subtile Irritationsmomente einer psychologischen Brutalität. Diese Diskrepanz vermag den Blick des Betrachters zu fesseln und in die Tiefe des Bildes zu führen. So präsentiert uns Greven in ihrer Arbeit „Faun“ auf den ersten Blick den verführerischen Nacken einer weiblichen Figur. Langsam begegnet dem Betrachter jedoch neben der Schönheit der Darstellung auch ihre Grausamkeit: Auf brutale Weise wurde der Kopf der jungen Frau um 180 Grad aus seiner Frontalansicht nach hinten gedreht. Sinnlichkeit und Brutalität werden so von der Künstlerin raffiniert in einem Werk vereint. Gleichzeitig präsentiert Greven mit dem Titel der Arbeit, der auf das wollüstige Mischwesen aus der antiken Mythologie verweist, jene mythologische Schnittmenge, die sich durch ihr gesamtes Oeuvre zieht.

Als "False Head" ist Biologen eine tropische Schmetterlingsart bekannt, deren Flügelform und -musterung den Eindruck eines Kopfes erzeugen, um auf diese Weise Angreifer auf ein weniger verletzliches Körperteil des Tieres zu lenken. Eine gewisse Brutalität kann auch hier hinter der faszinierend-anmutenden Erscheinung des Schmetterlings gesehen werden, wenn man sich der Funktion dieses morphologischen Tools bewusst ist. Ähnlich funktionieren für Greven auch die Faces in unserem medialen Zeitalter: Wie dem False Head sein "falscher Kopf" dazu dient, sich zu schützen, vermag man auch bei den Faces nicht zum Antlitz und somit zum intimen und verletzlichen Teil der Persönlichkeit vorzudringen. Unter der Schönheit des Sichtbaren fordert Greven den Betrachter mit ihren Arbeiten heraus, in die Tiefe der Gemälde zu blicken und zeigt dabei das Spannungsfeld auf, das zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen liegt.

Vivian Greven studierte an der Kunstakademie in Düsseldorf bei Prof. Siegfried Anzinger und Prof. Thomas Grünfeld und erzielte mit ihrer Malerei bereits große Anerkennung: Bereits 2013 erhielt sie das Akademie-Stipendium für Malerei der Kunstakademie Düsseldorf. Ihre erste Ausstellung in der Galerie Thomas Fuchs 2014 war ein großer Erfolg. 2015 waren ihre Arbeiten in der Ausstellung "Malerei, jetzt." im KIT in Düsseldorf und 2016 in "Die grosse Kunstausstellung NRW" im Museum Kunstpalast Düsseldorf zu sehen. Erst vor wenigen Tagen erhielt sie einen Anerkennungspreis verbunden mit einer Ausstellung beim renommierten STRABAG Artaward International 2016.

( Text von Tobias Bednarz )