Patrick Angus

Als Toulouse-Lautrec des Times Square beschrieb der Dramatiker Robert Patrick den jungen amerikanischen Maler Patrick Angus. Was Henri de Toulouse-Lautrec im ausgehenden 19. Jahrhundert mit seinen direkten und ungeschminkten Darstellungen des Pariser Nachtlebens rund um den Montmartre war, ist Angus mit seinen Darstellungen der schwulen Untergrundszene für das New York der 1980er Jahre. Zu einer Zeit, in der, besonders in den USA, die abstrakte und vor allem auch die minimalistische Kunst vorherrschend war, wendet sich der 1953 in Nord-Hollywood geborene Patrick Angus ganz bewusst wieder der figurativen Malerei zu. Seine Gemälde und Zeichnungen reichen von Portraits über Stadt- und Landschaften bis hin zu Darstellungen des schwulen Untergrundmilieus mit seinen Stripshows, einschlägigen Bars und Badehäusern, die er mit einer hohen Sensibilität zu zeigen weiß. Die ungeschönten Szenen von Figuren und Situationen aus diesem Milieu der New Yorker „Halbwelt“ eint sein Werk thematisch mit dem des französischen Malers mit dessen Darstellungen seiner Demimonde.

Im Alter von 20 Jahren kommt Angus über seinen Kunstlehrer an ein Buch mit Zeichnungen von David Hockney und ist sogleich fasziniert von dessen Darstellungen des „guten und schönen“ schwulen Lebens in Los Angeles. Von dieser glänzenden Welt angezogen, reist der junge Angus 1975 nach Los Angeles auf der Suche nach der in Hockney‘s Bildern präsentierten Welt. Doch resigniert muss er feststellen, dass dieses Leben für Menschen in seiner Einkommensgruppe nicht existiert, außer natürlich, wenn sie schön sind. Diese Erkenntnis, weitere Ablehnungen und das daraus entstandene geringe Selbstbewusstsein ließen Angus, nach seiner Übersiedlung an die Ostküste, in Manhattan zu einem passiven Beobachter und gleichzeitig aktiven Besucher schwuler Institutionen wie den Stripshows und Badehäusern werden. Diese befriedigten zwar seine Lust, verstärkten gleichzeitig aber auch sein Minderwertigkeitsgefühl. Angus stellt diese Tragik einsamer Herzen, die versuchen, sich darüber hinwegzuhelfen, dass sie das, was sie eigentlich suchen – Liebe – nicht finden können, in seinen Bildern mit einer hohen malerischen Qualität dar. Weit über die Ungehemmtheit seiner Motive dieser Untergrundszene hinaus, schafft er, durch seine Kompositionen und seinen Einsatz von Licht und expressiver Farbigkeit, deren Atmosphäre einzufangen. Die Suche nach Liebe und Wertschätzung, ein soziales Thema das schon viele Schriftsteller und Künstler beschäftigte, bringt Angus so zum Ausdruck. Seine persönliche Homosexualität ist dabei nebensächlich, schafft Angus es doch, dem Betrachter, unabhängig von dessen sexueller Orientierung und dem Motiv der Bilder, jene Sehnsucht zu vermitteln, die er in seinen Figuren greifbar macht. Diese Sehnsucht ist zeitlos, ja insbesondere heute, im Zeitalter des Internet, sogar brandaktuell.

Der Dandy Quentin Crisp beschrieb die Arbeiten von Angus einmal als bewusst schamlos. Diese verbreitete Misinterpretation seiner Bilder war wahrscheinlich einer der Gründe, warum seine Arbeiten von Galeristen immer wieder abgelehnt wurden. Angst vor Ablehnung führte dazu, dass er alle Hoffnungen auf Anerkennung als ernstzunehmender Künstler aufgegeben hatte, aber in bitterer Armut lebend weiter malte. Patrick Angus wollte nicht die schöne homosexuelle Welt zeigen, wie sie für nur wenige wirklich existiert. Er zeigt vielmehr die schwule Welt in der er lebte. So sagte er einmal: Twenty three years after Stonewall, gay people still have few honest images of themselves, and most of those occur in our literature. Gay men long to see themselves - in films, plays, television, paintings. They seldom do. Obviously, we must picture ourselves. These are my pictures.

Trotz der teilweise expliziten Motive und der düsteren Szenen strahlen Angus‘ Bilder durch ihre nüchternen aber nicht unemotionalen und im Kontrast dazu malerisch farbintensiven Darstellungen Sympathie und Verständnis aus. Einige Bilder dieser Motive sind mit Titeln berühmter Discosongs, die von Tänzern für ihre Striptease und Nackttanzeinlagen ausgewählt wurden, versehen. Einige drücken mit Titeln wie „I’m only human“, „boys do fall in love“ und „remember the promise you made“ aus Songs von Größen wie Diana Ross, Queen, Bobby Brown und Grace Jones Schmerzlichkeit auf eine ironische Art und Weise aus. Seine Bilder zeigen mit ihren Kompositionen, der Farbgebung und dem gekonnten Darstellen von Figuren und Körpersprache sein großes malerisches Können und den hohen Sinn für das Ästhetische, über den er verfügte. Grundlegend für Patrick Angus‘ Malerei ist der Gedanke, dass Kunst auf Beobachtungen basiert. So machte er es sich, inspiriert von der großen Picasso Retrospektive 1980 im MoMA, zur Aufgabe, Inspiration für seine Arbeiten nicht in anderer Kunst, sondern im Leben zu suchen. Die Beobachtungen und Erfahrungen, die er in den 80ern in der schwulen Untergrundszene in New York machte, wurden nach dieser Devise das Motiv und der Inhalt seiner Bilder. Aber auch in seinen Portraits von Freunden und den Stadt- und Landschaften lässt sich diese Grundlage der Malerei sowie sein Kunstsinn und meisterhaftes Handwerk erkennen. Mit seiner ausgeprägten Beobachtungsgabe schafft Angus es, nicht nur das objektiv Sichtbare der Motive in seinen Portraits darzustellen, sondern auch eine ganz private, fast schon intime Atmosphäre in diesen Bildern zu kreieren. In den teilweise detailgetreu dargestellten Wohnräumen wie Schlaf- und Wohnzimmern zeigt Angus die Individuen hinter den Motiven, echte, verletzliche Menschen zwischen ihren Besitztümern. Diese Bilder stehen in der Tradition des amerikanischen Realismus und seinen Vertretern wie James Whistler, Thomas Eakins und Edward Hopper. Seine menschenleeren Landschaften spiegeln eine Einsamkeit wieder, die auch in den Bildern Hoppers zu spüren ist. Mit ihm teilt Angus die Darstellung einer Vereinsamung des modernen Menschen. Diese Einsamkeit und die Versuche diese zu kompensieren, spielen im Ouevre Angus’ eine große Rolle.

Seit der Diagnose seiner Infizierung mit Aids fürchtete Angus, mehr als den Tod, sein Werk würde mit ihm in der Versenkung verschwinden. Doch in den Monaten vor seinem krankheitsbedingten Tod 1992 fand sein Werk doch noch Anerkennung: ihm wurden mehrere Einzelausstellungen gewidmet und ein Buch mit seinen Bildern wurde publiziert. Der Kunstgeschichte ist Patrick Angus heute auch kein unbekannter Name mehr. So ist er in mehreren kunstgeschichtlichen Werken wie unter anderem in „Art and Queer Culture“ bei Phaidon vertreten und in Museen zu finden. Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde er durch den 2009 erschienenen Kinofilm „An Englishman in New York“. Hier sind zahlreiche seiner Werke zu sehen und seine Geschichte bildet einen der Haupthandlungstränge des Films. Zwar wurde die Relevanz seiner Arbeiten mittlerweile erkannt, ausgeschöpft ist das Oeuvre Angus‘ aber noch lange nicht. 

(Text: Tobias Bednarz)