Text zur Ausstellung
TM Davy. Love Songs

He seems to me equal to the gods that man
whoever he is who opposite you
sits and listens close
to your sweet speaking
and lovely laughing – oh it
puts the heart in my chest on wings
for when I look at you, even a moment, no speaking
is left in me

Anne Carson, If Not Winter: Fragments of Sappho

 

If Not, Winter 2018 erfasst die Stimmung der Serie von Ölgemälden in TM Davys Ausstellung "Love Songs" in der Galerie Thomas Fuchs, die Meditationen über Liebe, Vertrautheit und Hingabe sind. In dem Gemälde liegt die athletische Gestalt eines lesenden jungen Mannes. Über seinen Schultern erhaschen wir einen Blick auf eine der Buchseiten, leer bis auf diese wenigen Worte aus Anne Carsons Sappoh-Übersetzung: „Stand to face me beloved and open out the grace of your eyes". Gezeigt wird der Ehemann des Künstlers, Liam, von Kopf bis Fuß nackt, Carsons If Not Winter, eine Minimal-Übersetzung Sappohs, lesend. In der Übersetzung verwendet Carson keine Artikel oder Possessivpronomen und keine Füllwörter für die fehlenden Fragmente. Die Dürftigkeit der Gedichte spiegelt eine visuelle wie auch eine hörbare Reduziertheit - all diese Gedichte wurden gesungen, ihr Rhythmus und ihre Sprachmelodie sind mit der Zeit verloren gegangen. Wie ein weiteres Gedicht aus dem Buch, das mit den Worten „He seems to me equal to the gods that man" beginnt, erinnert Liams Nacktheit, scheinbar eingefangen, ohne dass er es bemerkt, an die Skulpturen der griechischen Götter des Olymps oder mythologischer Helden (Perseus, Bellerophon, Iason u. a.). So ist das Buch einerseits ein konzeptueller Eintritt in das Werk und gleichzeitig ein formaler Kunstgriff: der Titel und die weiße Fläche auf den Seiten erscheinen wie ein Anstands-Feigenblatt positioniert, das lediglich Liams Schambereich verdeckt.

Die Davys verbringen ihre Sommer auf Fire Island mit einer Gruppe von Künstlern und Freunden, die in den anderen Ölgemälden dargestellt sind. Beispielsweise in den beiden Portraits Sophie and Pirate 2018 und Cajsa and Cicciolina 2018. Die beiden Frauen, Sophie Mörner und Cajsa von Zeipiel, werden diesen Sommer in Schweden heiraten. In der Tradition von Pendant-Porträts zur Verlobung und dem Ehebündnis (man denke an Maestro delle Storie del Panes Porträt eines Mannes, vermutlich Matteo di Sebastiano di Bernardino Gozzadini und Porträt einer Frau, vermutlich Ginevra d’Antonio Lupari Gozzadini, ca. 1494) hält jedes Modell ein Objekt oder Tier. Hier hält das Paar seine Chihuahuas. Anstatt ihre Gesichter im Profil darzustellen, eine beliebte Darstellungsweise für Hochzeitsporträts in der Renaissance, malt Davy das Paar in Dreiviertelansicht und als Halbfiguren. Während Cajsa eine Lady in Leoparden-Print ist, stellt ihre Partnerin Sophie ein pinkes Netzshirt, eine LV-Cap und Tattoos zur Schau. Sophies eindeutig zeitgenössische Kleidung aktualisiert ihre majestätischen Posen, die zurückhaltend wirken wie für die gegenseitige Präsentation vor der Hochzeit.

Davy präsentiert nicht bloß die visuellen Kennzeichen der Ehe, sondern auch eine Art Verbundenheit. War es nicht Georges Bataille, der die Erotik beschrieb als „concerned with the fusion of beings with a world beyond everyday reality". Diese Andeutung des Erotischen wird uns in Meghan and Hanna 2018 dargeboten. Die Frauen sind in einer sinnlichen Umarmung festgehalten. Hier zeigt sich Davys Gebrauch des Tenebrismus. Wie die Dunkelheit, die die auf dem Rücken liegende Figur von Liam in If Not, Winter umgibt, werden Meghan und Hanna von einem jenseitigen blau-grünen Licht beleuchtet. Es ist dieselbe Dunkelheit, die die zierlichen orangen Blüten der Coreopsis Arkansa umhüllt. Üblicherweise wird ihnen die Bedeutung „Liebe auf den ersten Blick" beigemessen. Hin und wieder verweist Davy auf diese Blume, die einzige Arbeit in der Ausstellung ohne Figur, als ein Selbstporträt. Ihre zurückstrahlende Leuchtkraft und ihre kess hoffnungsvolle Erscheinung erinnern an verlobte Paare oder frisch Verheiratete: Bereit und darauf wartend, sich zu binden. Jedes hingabewillige Individuum schaut, wer gegenübersitzt, wer auch immer „sits and listens to your sweet speaking".

von Andrianna Campbell (übersetzt von Tobias Bednarz)

 

TM Davy studierte an der School of Visual Arts in New York. 2010 war er Teil der Gruppenausstellung „No Soul for Sale" in der Tate Modern in London. Vergangenes Jahr zeigte die New Yorker 11R Gallery Arbeiten von Davy in einer großen und viel besprochenen Einzelausstellung. Im April 2018 war der Maler mit einer Arbeit in der Ausstellung „Pause: AA Bronsons Garten der Lüste" im KW - Institute for Contemporary Art in Berlin vertreten. Aktuell sind zudem Arbeiten von ihm in der von Susan Cross kuratierten Ausstellung „The Lure of the Night“ im Massachusetts Museum of Contemporary Art zu sehen.

 

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