Vivian Greven – Figur und Raum

Vivian Grevens Malerei positioniert die Figur in einem Raum, in dem Natur und abstrakte geometrische Anordnungen ineinanderfließen—und macht so den (zumeist) weiblichen Akt als Schöpfungsakt in einem zweifachen Sinne vordergründig. Zunächst veranschaulicht die abstrakte Geometrie die basalen Möglichkeiten des malerischen Aktes, der Figur und Raum hervorbringt, ganz im Sinne von Mina Loy: „The straight line and the circle are the parents of design, form the basis of art.“ In den abstrakten Flächen wird Leinwand und grober Pinselstrich sichtbar. Auf dieser Basis und mit diesen Mitteln stellen die Bilder die Genese realistischer Malerei dar, indem die abstrakten und zweidimensionalen Formen in einen edenischen Raum überführt werden. Das Handwerk der Jahrtausende alten Malereigeschichte, das Vivian Greven so sicher beherrscht, präsentiert diesen artifiziellen Raum ganz als Natur: der nackte weibliche Körper, Gewächse, Fleisch und Blatt, Eden. Die Betrachter der Arbeiten Grevens befällt nicht selten eine Ahnung, dass sie die Figurenkonstellationen, die sie sehen, bereits kennen—dass das Ergebnis der Genese von Figur und Raum bereits im je eigenen visuellen Gedächtnis abzurufen ist.

Jedoch ist diese Schöpfung, die das kollektive Bildgedächtnis zu spiegeln scheint, bedroht. Jederzeit, so scheint es, kann die Natur, die sich oft gewaltig und trist über die Figuren erhebt, diese verschlingen. Die Dynamik, die die geometrischen Flächen in Vivian Grevens Arbeiten evozieren, verweist nicht nur auf ein Zentrum, in dem der weibliche Akt steht, sondern stellt diesen auch in Frage. Jederzeit kann sich der dreidimensionale Körper verflüchtigen und den Aggregatzustand verändern—Figur und Raum können sich in Kreis, Linie und Pinselstrich auflösen. Die Genese der Schöpfung zeigt sich als flüchtig und vorläufig und kehrt zu ihrem Ursprung zurück: „The straight line and the circle are the parents of design.” Die Figuren und die Sinnstiftung, zu der sie einladen, können wieder Teil einer abstrakten Ästhetik werden. Bedeutung und Referenz verflüchtigen sich, Motive, Material und Komposition trennen sich voneinander.

Es ist dieses Spannungsfeld, das auch Vivian Grevens neuen Arbeiten, die Polyesterschichten, Metall und Malerei kombinieren, ihre eigentümliche Kraft verleiht. Der „Paravent“ ist vordergründig ein Design-Objekt, das maschinelle Massenproduktion evoziert. Bei genauerer Betrachtung werden die Spuren der Genese sichtbar, die Spuren des Handwerks, das den Paravent erschaffen hat: Die Metallrahmen wurden aus Vierkantrohren geschweißt, die Schichten aus Polyester wurden mit Farbpigmenten angereichert, mit der Hand gerührt und gegossen, und mit den Mitteln klassischer Malerei bemalt. Das Ergebnis ist ein sakraler Gebrauchsgegenstand, der Vivian Grevens Figuren einen neuen Raum zuweist. Es ist die potentielle Erosion der Raumkonstitution und Sinnstiftung der Betrachter, die der abstrakten Geometrie und der Natur erneut einen dunklen und bedrohlichen Charakter verleiht. Hier teilen Figur und Raum des Kunstwerks jedoch im Wortsinne den Raum der Betrachter. Das Spiel aus Licht, Spiegelung und Schatten, das das Material Polyester unvermeidlich macht, steigert die Permeabilität des Kunstwerkes und spiegelt den Eingriff des Blicks. Hinter der glatten und makellosen Öberfläche des Paravents, der die Blicke vielschichtig absorbiert, begegnen die Betrachter einem Schöpfungsakt, der der ihre ist.

(Text von Julian Hanebeck)